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Samuil Feinberg (eine Biographie von Christophe Sirodeau - Deutsch Text) |
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Pädagoge, ist als Komponist zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Er schrieb eine Reihe wichtiger Werke, vor allem für Klavier und für Gesang. In Anlehnung an die stilistische Entwicklung des Komponisten läßt sich sein Schaffen in zwei Perioden einteilen. In den Jahren 1910 bis 1933 zeigt sich eine Schreibweise, die zusehends vielfältiger und virtuoser wird, hochchromatisch oft und reich an Kontrasten, aber stets geprägt von einer symbolistischen" Zerbrechlichkeit, die zum Teil auf den Ein.uß Skrjabins zurückzuführen ist. Von 1934 bis zu seinem Tod 1962 bewegte sich Feinberg mehr und mehr hin zu größerer Einhachheit, zu einer diatonischen Tonsprache und zur Vorherrschaft der Melodie, vergleichbar in etwa der Entwicklung von Prokofjew und Mjaskowskij. Neben diesen Werken .nden sich auch Bearbeitungen, darunter beispielsweise fünfzehn Kompositionen von Bach, aber auch Werke zahlreicher anderer Komponisten. Bald schon erlangte Feinberg als genialer Interpret Berühmtheit. 1914 war er der erste, der auf russischen Konzertbühnen eine Gesamtaufführung von Bachs Wohltemperiertem Klavier unternahm (1958/59 legte er die - nach Edwin Fischer - zweite Gesamteinspielung vor), später spielte er mehrere Zyklen mit Werken Ludwig van Beethovens und setzte sich für die Werke Skrjabins, Prokofjews und Debussys ein (seine Interpretation von Skrjabins Vierter Sonate brachte ihm übrigens die Bewunderung des Komponisten sein). Ab 1924 wurden einige Werke bei der Universal Edition in Wien veröffentlicht. Die Sechste Sonate op. 13, gespielt vom Komponisten selbst, war beim Festival der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik in Venedig am 4. September 1925 ein großer Erfolg, ebenso sein Erstes Klavierkonzert op. 20, das 1932 unter der Leitung von Albert Coates in Moskau uraufgeführt wurde. Der amerikanische Musikkritiker Carl Engel (später ein Freund Schönbergs) schrieb 1924 in The Musical Quarterly, Feinberg sei vielleicht ein Genie". Im November 1925 reist Feinberg nach Paris; regelmäßig wird er nach Österreich und Deutschland eingeladen (1925, 1927 und 1929). Er macht Aufnahmen für die Deutsche Grammophon in Berlin und für mehrere deutsche Rundfunkanstalten (Er war einer der ersten Musiker, dessen Konzerte live im Radio übertragen wurde [Berlin, 1927]). Einige Jahre später wurde diese westeuropäische Karriere durch die stalinistische Politik in der UdSSR mit einem Mal beendet. Zu jener Zeit wurde sein Freund und Verleger Nikolai Zhiliajew, der vor 1914 sein Kompositionslehrer gewesen war, im Zusammenhang mit der Affäre Toukhatschewsky inhaftiert. In den folgenden 30 Jahren war es Feinberg untersagt, die UdSSR zu verlassen - mit Ausnahme zweier Jury-Teilnahmen bei Wettbewerben in Wien 1936 und Brüssel 1938. Da seine Musik nicht den Kritierien des Sozialistischen Realismus" entsprach, führte er seine früheren Werke nicht mehr auf und zog es vor, zu schweigen oder aber Kompositionen vorzulegen, die es dem Hörer einfacher machten. Die Klavierkonzerte Nr. 2 (1944) und Nr. 3 (1947) stammen aus jener Zeit. Doch auch nach dem Krieg blieb Feinberg einer der bedeutendsten russischen Komponisten; als Interpret konnte er gegen Ende seines Lebens (insbesondere nach dem krankheitsbedingten Abschied von der Bühne im Jahr 1956) eine Reihe von Werken einspielen. Außerdem war Feinberg einer der bemerkenswertesten Professoren des Moskauer Konservatoriums (von 1922 bis zu seinem Tod am 22. Oktober 1962), hochverehrt von seinen Schülern, die auch sein Buch Das Klavierspiel als Kunst herausgaben - postum, wie es sein Wunsch gewesen war. Zeit seines Lebens unverheiratet, lebte Samuel Feinberg bei seinem Bruder, einem Maler, und dessen Familie. Vermutlich hat eine unglückliche Liebesaffäre mit Vera Efron (einer Schwägerin von Marina Tswetajewa) vor 1914 Anteil an der Entstehung dieser Situation. Feinberg war ein hochkultivierter Mann, vergeistigt, bescheiden, der Selbstdarstellung in geradezu krankhafter Weise verabscheute. Feinberg, von dessen Sonaten jede einzelne ein Poem des Lebens" (Tatjana Nikolajewa) ist, war ein überaus visionärer Künstler, der sich den Abgründen und Zwiespältigkeiten unserer Zeit bewußt war. Die stilistische Entwicklung Feinbergs erklärt, warum er als Komponist kein einheitliches Pro.l hinterließ; seine bedeutendsten Werke hat er vor dem Zweiten Weltkrieg komponiert. Die historischen Umstände in Rußland aber entzogen einem solchen Modernismus" jeden Boden. Es ist seltsam genug, daß man in der westlichen Presse lesen konnte, Feinberg sei eine of.zielle Persönlichkeit" der Sowjetunion gewesen - Hohn für einen jüdischen Musiker, der nie der Partei angehörte und sich ins Schweigen .üchten mußte. Nichtsdestotrotz genoß Feinberg, selbst wenn er in Moskau zur Klasse der Kosmopoliten" gezählt wurde, einen gewissen Schutz durch seine immense pianistische und pädagogische Ausstrahlung. Öffentliche Erfolge und Elogen von Musikern, die ihn bewunderten, wurden ihm schon zu Lebzeiten zuteil. Aber für seine Schüler und Freunde war es selbst nach seinem Tod nicht ratsam, den Akzent auf seine nonkonformistischen" Seiten zu legen; dies ist das Problem mit allen Dokumenten aus jener Zeit, die man nur mit Vorsicht verwenden kann. Heute aber gilt es, Werke zu rehabilitieren, die sich auszeichnen durch Expressivität, stilistische Strenge und große Phantasie, und gewiß dabei zugleich das von Angst gequälte Seelenleben ihres Komponisten widerspiegeln. Die große, oftmals mit dem emotionalen Inhalt korrespondierende formale Originalität in Werken wie den Sonaten Nr. 3, 5, 6, 7, 8 oder dem Klavierkonzert Nr. 1, sein charakteristischer Klavierstil oder auch der symbolistische und nostalgische Charme seiner Melodien (wie in seinem Opus 7 auf Gedichte von Alexander Blok, 1914) weisen Feinbergs uvre als unverzichtbaren Bestandteil der musikalischen Überlieferung des 20. Jahrhunderts aus; hinzu kommt sein unschätzbares, auf Schallplatte festgehaltenes Vermächtnis als Pianist. ©2003 Christophe Sirodeau Übersetzung auf Deutsch: Horst A.. Scholz für BIS Records AB 2003 (Bis no 1413) Wir danken Robert von Bahr für sein freundliches Bevollmächtigung für dieses Neudruck. (Eine umständliche Analyse von die 12 Sonaten für Piano begleitet diese und die nächste CD Schallplatte nr.1414) |